Alles Unkraut oder was?

Und alles, nur weil die falsche Pflanze zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort steht: deshalb werden sie als „Unkraut“ bezeichnet. Was für ein Unwort! Demzufolge müssen Unkräuter also unschöne, ja hässliche Pflanzen sein! Wer hat sich das nur ausgedacht?

Bestimmt Niemand der den Wilden in unseren Garten einmal einen längeren liebevollen Blick geschenkt hat

Glücklicherweise hat sich etwas verändert, und man spricht nicht mehr von Unkraut, sondern von Beikraut oder Wildkraut. Das hört sich doch schon viel besser an, oder? Und das mit Recht, denn es gibt wunderschöne und wertvolle, ja sogar Heilpflanzen unter Ihnen. Und was die alles können! Sagenhaft. Also, ändern Sie die Strategie: Alles, was im Garten wächst, überprüfe man vor dem aushacken auf seine Nützlichkeit und Heilkraft. Ob sofort heisst es: Iss deine (scheinbaren) Feinde einfach auf – und gesunde an Ihnen, ganz  frei nach Hippokrates. „Deine Nahrungsmittel seien deine Heilmittel, deine Heilmittel seien deine Nahrungsmittel! Jetzt höre ich fast Ihr skeptiches Kopfschütteln, Sie finden meine Thesen bedenklich. Doch bedenken soll man auflösen und wie kann man das besser als mit tollen Beispielen. Allgemein sind Vogelmiere, Löwenzahn, Giersch, Brennnessel, Gänseblümchen, Sauerampfer besonders reich an Vitaminen, Spurenelementen und so genannten sekundären Pflanzenstoffen. Wenn man erst mal angefangen hat, den Speiseplan mit diesen Delikatessen zu bereichern, kann man nicht mehr davon lassen.
Wirklich und nun nicht mehr im Allgemeinen gesprochen sondern im Besonderen möchte ich Sie begeistern für eine völlig fehlverstande Persönlichkeit in unserem Garten „Die Brennnessel“ ein typisch deutsches „Unkraut“?

Die meisten Gartenliebhaber werden bei der Einordnung der gemeinen Brennnessel (Urtica dioica) sicher mehrheitlich zu „Unkraut“ tendieren, das schleunigst aus dem Garten muss! In einer älteren Gartenzeitschrift wurde sie gar als „Staatsfeind NR 1“ der Hobbygärtner bezeichnet, der auf das intensivste und zur Gänze bekämpft werden muss! Doch bei intensiverer Betrachtung zeigt sich die Pflanze jedoch in einem völlig anderen Licht.

Schon Hildegard von Bingen (1098-1179) beschrieb sie als komplette Heilpflanze von der Wurzel- bis zur Triebspitze. Besonders jetzt im Frühjahr sind die jungen Blätter aufgrund ihres Mineralstoff- und Vitaminhaltes sehr beliebt als Spinat, Salatbeigabe oder erfrischende Tees. Übrigens, nicht der viel zitierte Spinat liefert viel Eisen, sondern die Brennnessel! Der Volksmund munkelt, die Brennnessel sei eine Frühjahrsgefühlpflanze. Und das zu recht. Manche Kräuter, darunter auch die Samen der Brennnessel, regen die sexuellen Energien im Körper an und bringen sie zum Schwingen. Diese aphrodisierend Aufgabe erfüllen die Brennnesselsamen besonders gut, wenn sie in wohlschmeckendem Alkohol angesetzt sind:  In einem guten Obstbrand eingelegte Brennnesselsamen sind schon fast ein Zaubermittel.

Zauberhaft sind auch die Gäste welche unseren Garten besuchen wenn wir die Brennnessel stehen lassen. Rund 50 Schmetterlingsarten wie der Admiral, das Tagpfauenauge oder der kleine Fuchs  brauchen die Brennnessel als besondere Futterpflanzen. Und was dann noch übrig bleibt, kann man ganz schnell in ein in ein stärkendes Elixier für den Gemüsegarten verwandeln: einfach  1 kg grüne Pflanzen auf 10 l Wasser geben, 1-2 Tage ziehen lassen Kaltwasserauszug) oder mehrere Tage vergären lassen, dann gießen oder verdünnt zur Stärkung und Insektenabwehr spritzen!

Und das alles kann man ganz kostenlos im eigenen Garten kultivieren! Vielleicht sollte man doch einmal so ein „Unkraut“ stehen lassen? Es muss ja nicht im Vorgarten sein, und natürlich begrenzt, damit sie sich nicht ausbreitet im Garten…

Impressionen